Jubelkonfirmation / 8. Sonntag nach Trinitatis - 25.07.2021

Predigt zu 1 Kor 6, 12-20

 

Heute ist ein Festtag, ein Tag zum Feiern, ein Tag der Lebensfreude.

Wenn ich Sie vorher gefragt hätte, worüber ich heute predigen soll, dann hätten Sie wahrscheinlich so einige gute Ideen gehabt. Über das Leben an sich - seine Wege und Umwege. Über Gelingen und Scheitern. Über Liebe und Tod. Über die Freude am Leben und seine Lasten. Über Jugendhoffnung und Zukunftsangst. Über die Wirklichkeit nach der Hoffnung. Über all das, was unser Leben ausmacht und bestimmt hat in den letzten 50, 60, 65 oder 70 Jahren.

Und Sie haben so einiges erlebt in diesen Jahren. Schulabschluss, Berufsausbildung. Familie, Kinder, Enkelkinder. Die ersten Verluste, ein früher Tod. Immer wieder neue Versuche, das Leben zu meistern, sich nicht unterkriegen zu lassen. Und dazwischen die schönen Momente, voller Lachen und erlebter Gemeinschaft. Hell und Dunkel wechseln sich ab - und wir müssen Schritt halten. Manchmal im Schweinsgalopp mitten hindurch - und manchmal in quälender Langsamkeit geduldig einen Schritt vor den anderen setzen.

Leben ist Veränderung - nichts bleibt, wie es ist.

1950 - die legendären 50er Jahre beginnen: Die letzten Lebensmittelmarken (für Zucker) verlieren ihre Gültigkeit. Adenauer ist Bundeskanzler, das Wirtschaftswunder wächst, der Petticoat verleiht alten Röcken neuen Glanz, Elvis Presley verdreht den Mädchen den Kopf und James Dean stirbt den Heldentod in den Herzen seiner Fans. Peter Alexander und Conny Froboess singen sich mit Liebe, Jazz und Übermut durch die Mitte des Jahrzehnts.

Das Wirtschaftswunder wächst weiter, während in Korea sich Ost und West einen der vielen Ersatzkriege liefern. In Kreuzwertheim finden Familien aus dem Osten eine neue Heimat, die katholische Gemeinde wächst. Alte Grenzen verlieren ihren Sinn, die Konfessionen vermischen sich. Und unter den Konfirmanden führt Pfarrer Rieger mit seiner Frau ein strenges Regiment.

In den 60er Jahren wird die Mauer gebaut, Familien voneinander getrennt, Kennedy mutiert zum Berliner, Udo Jürgens singt von 17-jährigen Blondinen, Frauen zeigen Bein in den ersten Miniröcken und haben am Ende sogar die Hosen an - mit Schlag, damit es auch richtig weh tut. Die Kubakrise versetzt die Welt in Alarmzustand und hier in Kreuzwertheim fassen die 68er schon Jahre vorher Fuß mit Pfarrer Franck, seinen Konfirmanden besser bekannt als „Johnny“.

Die Zeiten ändern sich - und wir uns mit ihnen.

Meine eigene Konfirmation liegt jetzt über 25 Jahre zurück. Und ich bin nicht mehr dieselbe, wie damals. Gott sei Dank - ich habe mich verändert. Wenn ich heute in den Spiegel schaue, dann bin ich deutlich älter geworden -  das Leben hat sich mit Linien und den ersten Falten in mein Äußeres eingezeichnet.

Aber ich bin auch stärker geworden - und verletzlicher. Mein Alltag mit seinen Begegnungen, meine Aufgaben  - all das gibt mit Kraft.

Meine Familie macht mich verletzlich. Denn die Liebe macht uns angreifbar, sie zeigt unsere Schwachstellen auf und ist doch die tiefste Kraftquelle, die wir haben.

All das sind Veränderungen, die mich selbst verändert haben - und die das Beste und das Schlechteste aus mir hervorholen, immer wieder, jeden Tag.

Denn jede Veränderung stellt neue Anforderungen an uns, verlangt das eigene Umdenken, Kritik an alten Gewissheiten und Offenheit für das Neue. Da fällt es oft leichter, sich davon abzuwenden und sich in der eigenen Vergangenheit einzuigeln.

Und manchmal würden wir gerne das Rad einfach zurückdrehen - hin zur  guten alten Zeit, in der eben alles noch war wie früher - und doch nur selten wirklich besser.

Darüber vergesse ich dann aber oft, dass wir schon längst die größte Veränderung hinter uns haben - und das ist die, von der Paulus spricht: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.

Das ist die größte Veränderung, die wir alle erlebt haben - in unserer Taufe. Denn genau das ist es ja, was da passiert. Unser Leben ändert sich radikal - völlig egal, ob wir sechs Wochen alt sind oder schon fast  14. In der Taufe sagt Gott Ja zu uns - ein für alle mal. Einmal für alle Ewigkeit. Egal, wohin wir uns dann bewegen, egal, wie unser Leben verläuft - Dieses JA ist unumstößlich. Und gilt unwiderruflich.

Wir können uns nicht ent-taufen lassen. Denn die Taufe ist vor allem eine einseitige Erklärung Gottes: Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir.

Das ist eine tröstliche Erfahrung. Denn es geschieht an uns, ohne dass wir etwas dazu tun müssen. Und es ist eine schreckliche Erfahrung. Denn es geschieht an uns, ohne dass wir etwas daran ändern können. Wir sind ihm ausgeliefert, diesem Gott, der in Christus geworden ist wie wir. Der sich auf uns eingelassen hat, damit wir nicht mehr vor ihm zurück schrecken.

Der sich verändert hat, damit wir neu werden.

Bei der Taufe sagen unsere Eltern JA zu dieser Neu-Werdung.

Und Sie alle haben bei Ihrer Konfirmation damals, in der guten alten Zeit, noch einmal „Ja“ gesagt zu dieser Veränderung. Haben „Ja“ gesagt zu Ihrer Neuwerdung.

Was also ist in den letzten Jahren aus diesem neuen Menschen geworden, der damals voller Hoffnung auf Gott das Leben angepackt hat?

Ganz sicher sind Sie älter geworden - an Lebensjahren. An Erfahrungen. Vermutlich auch an Aussehen. Aber was ist mir Ihrem Glauben? Ist er mit Ihnen alt geworden? Hat er sich erschöpft, sich totgelaufen in den Sackgassen Ihres Lebens? Sich aufgeschürft an den Ecken und Kanten Ihres Alltages? Sich abgenutzt auf den rauhen Wegen, die Sie gegangen sind? Oder ist er jung geblieben - so wie Sie in Ihrem Inneren? Hat sich seine Hoffnung, seine Frische und Lebendigkeit bewahrt?

In der Lesung vorhin haben wir gehört, wie Gott in das Chaos seine Ordnung gebracht hat - um am Ende uns, seinen Menschen, seiner Kreatur, die Verantwortung zu übergeben für sein Werk. Blicken wir in den Spiegel dieser Erwartungen, dann sehen wir tatsächlich an vielen Tagen ziemlich alt aus.

Wir gestalten unsere Welt, unseren Alltag, unser kleines und großes Miteinander. Wir arbeiten täglich daran, dass wir unser Leben möglichst gut führen - immer in der Auseinandersetzung zwischen unseren Wünschen und den Bedürfnissen der anderen. Das kostet Kraft. Und manchmal so viel, dass für Neues da kein Raum mehr ist.

Der heutige Tag ist ein Festtag. Aber er erdet uns auch. Denn er erinnert uns daran, dass wir unsere Kraft und unsere Lebensfreude nicht aus uns selbst beziehen. Dass wir uns nicht aus uns selbst heraus verändern müssen. Sondern schon von Anfang an neu sind und neu bleiben - egal, wie alt wir werden.

Also: egal, welche Veränderungen noch auf uns zukommen - wir sind immer schon Teil von ihnen. Das einzige, was sich nicht verändert, niemals, zu keiner Zeit - das ist die Zusage Gottes - sein Ja zu uns. Das gilt seit Anbeginn der Zeit - bis in alle Ewigkeit.

Amen.