20. Sonntag nach Trinitatis - 17. Oktober 2021

Predigt zu Koh 12, 1-7

 

Ungeahnte Funde - bsp: Hella Muscheln Strand (die schönsten ohne Absicht gefunden); notwendig: mit offenen Augen durchs Leben / auf den Wegen zu gehen.

Mit ist letzte Woche auch ein Fund sozusagen ins Auge gefallen - beim Spazierengehen mit dem Hund. Am Stellplatz unten, auf dem Rasenstück. Dieses Blatt Papier.

Eine Buchseite, herausgefallen aus einem Taschenbuch - keine gute Verarbeitung - oder intensiv gelesen.

Eine Seite, voll beschrieben mit Text. Nur einzelne Zeilen sind zu lesen - es geht um eine Raumstation. Namen tauchen auf - ihre Träger sind wie Schall und Rauch, die Menschen dahinter nicht greifbar.

Fragmente einer Geschichte - und nur teilweise verständlich. Denn den Rest kenne ich nicht. Auch nicht den großen Zusammenhang. Den Kontext. Weder Autor noch Leser. Und auch nicht, wer die Seite verloren hat und warum.

Aber ich bin neugierig. Ich gebe einen Satz aus dem Buch bei Google ein: „Weil das verdammte Waschbecken dieser verdammten Raumstation auf meinen Kopf fiel!“

Und ich werde fündig: Mieses Karma - von David Safier.

Der Inhalt kurz gefasst: Eine Fernsehmoderatorin wird nach ihrem überraschenden Tod als Ameise wiedergeboren. Mieses Karma im früheren Leben eben. Fortan gilt ihr Lebenszweck dem Anhäufen von gutem Karma, um die Reinkarnationsleiter hinaufzuklettern und sich wieder einen Platz in den Herzen ihrer Familie zu erobern.

Mehr wird nicht verraten - mehr kann ich aus dem Text nicht erfassen.

Ich weiß nur: es sind Fragmente eines Anfangs - die Seitenzahl ist 33. Und es geht um den Tod - um das Ende eines Lebens. Auf Seite 34 ziehen Fragmente dieses Lebens am Erzähler vorbei: Kindheitsmomente mit dem Vater - Zeiten voller Glück. Schulerlebnisse. Die erste große und vernichtende Liebe.

Fragmente eines Lebens, wie ich sie selber oft höre - in den Erzählungen meiner Familie. Den Anekdoten auf Geburtstagen. Den Lebensbeichten im Krankenhaus.

Es sind Geschichten, die das Leben schreibt - vom Gelingen. Von der Suche nach Glück. Vom Sinn. Vom Jungsehnen und Altwerden.

So wie sie auch der Predigttext von heute schreibt:

Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: »Sie gefallen mir nicht«;

2 ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden und die Wolken wiederkommen nach dem Regen, –

3 zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, wenn finster werden, die durch die Fenster sehen,

4 wenn die Türen an der Gasse sich schließen, dass die Stimme der Mühle leise wird und sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des Gesanges sich neigen;

5 wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; –

6 ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt.

7 Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.

Zwanzig Metaphern für das Alt werden - aneinander gereiht in sieben Versen. Bilder vom Leben, vom Erinnerung und Vergehen, vom Finden und Verlieren.

Keine konkreten Erlebnisse. Keine bestimmten Geschichten am Ende eines Lebens.

Die Lebenserfahrung lässt sich nicht auf einen Punkt bringen. Leben besteht aus vielen Fragmenten, die miteinander verwoben sind, ineinander übergehen, sich aneinander reiben und am Ende zu einer Atmosphäre verdichtet sind - zu Bildern, die all das widerspiegeln:

Alter ist Abschiednehmen: wenn die Türen sich nach außen schließen - und Stimmen leiser werden. Wenn die Kreise kleiner werden.

Alter ist eine Zeit abnehmender Kraft: wenn Körper schwächer werden und Möglichkeiten Angst machen. Wenn die Vergänglichkeit überdeutlich das Leben bestimmt.

Wenn wir diese Erfahrungen machen, dann machen wir die Erfahrung des Altwerdens.

Die aber sind nicht an ein konkretes Alter gebunden.

Alter ist keine Zahl. Keine Generationenfrage.

Alter ist eine Erfahrung.

Die können wir in jedem Lebensalter machen: An der Schwelle zwischen zwei Lebensphasen. Wenn die Zukunft so unklar ist, dass ich mich klein und schwach vor ihr fühle. Wenn ich kein Bild von meinem weiteren Leben vor Augen habe. Wenn ich nur noch verschlossene Wege vor mir sehe und sich die Menschen immer weiter von mir entfernen.

Immer dann mache ich solche Alters-Erfahrungen.

Und wir können vor diesen bösen Tagen zittern und uns im Haus verkriechen und uns in uns selbst verkrümmen - - - oder wir können an diesen Erfahrungen reifen - können alt-klug werden und sie unserem Leben dienen lassen.

Die Moderatorin im Buch hat diese Möglichkeit nicht. Ihr bleibt nur, ihr Ameisendasein lebensdienlich und fruchtbar zu machen. Ob und wie weit sie ihr mieses Karma verbessern kann, weiß ich nicht.

Ich habe gelesen, es gäbe eine Fortsetzung - „Mieses Karma 2“, in der sie es immerhin von der Ameise zum Pinguin schaffe.

Wir haben Glück: unsere Reinkarnationsleiter wurde im wahrsten Sinn durch-kreuzt. Wir müssen nicht erst zu Ameisen werden, um erlöst zu werden. Denn wenn wir es wären - dann wäre Gott für uns zur Ameise geworden.

Er aber hat uns zu seinem Ebenbild erschaffen - und ist deshalb Mensch geworden, um uns den Spiegel vorzuhalten - in jedem Alter, zu jeder Zeit.

Er hat uns als Menschen gemeint - vergänglich und sterblich - und doch fähig, die Grenzen unseres eigenen Kontextes, unserer eigenen Geschichte zu übertreten.

Er hat uns als Menschen gemeint - geschaffen in Abhängigkeit - aber nicht von unseren eigenen Taten, sondern von seinem Gesetz. Und das ist lebensdienlich - schon hier und jetzt.

Seine Menschwerdung muss nicht immer wieder re-inkarniert werden - denn durch sie stellt er sich ein für alle Mal auf unsere Seite - und macht uns zu Menschen, die frei sind, nicht stehen zu bleiben - auch wenn der Weg uns ängstigt.

Die mutig sind,  unsere Hülle nach langer Zeit der Reife aufzubrechen und unsere Frucht freizulegen.  Unser Inneres neue Blüten treiben zu lassen.

Mit Jesus Christus an unserer Seite müssen wir uns nicht fürchten.

Sondern können reifen an dem, was unser Leben durchkreuzt - und es für unser Leben dienlich werden lassen.

Können alt-klug genug sein, auch bei geschlossenen Türen im Gesang der Vögel neues Leben zu hören. Alt-erfahren genug, das Glück nicht im Haben zu suchen - sondern in der Vergänglichkeit unseres Lebens seine Reichtümer zu erkennen.

Alters-schwach genug, mit Jesus Christus ganz Mensch zu sein - damit unser Leben durch dieses Wunder seinen Sinn erhält. Und wir bis zum Ende unsere Lebens immer wieder neu anfangen können.

Amen.