06.02.2022 - 4. Sonntag vor der Passionszeit

Predigt zu Mt 14, 22-33

„Geh schon mal vor - ich komm gleich nach.“

Wie oft haben Sie diesen Satz schon zu jemandem gesagt? Zu einem Freund, dem Partner, den Kindern?

Ein banaler Satz - in ganz unterschiedlichen Lebenslagen.

Beim Wandern, wenn der Botaniker neben mir noch mal in Ruhe die Botanik betrachten möchte - und weiß, dass er genervt-gelangweilte Ehefrauen dabei nicht brauchen kann.

Beim Einkaufen, wenn ich eine Bekannte treffe und das zappelige Kind neben mir schon mal nach Hause vorauslaufen lasse, damit ich in Ruhe ein bisschen ratschen kann.

Auf dem Weg ins Lokal, wenn drei Leute darauf warten, dass der vierte endlich seine Schuhe anzieht, seinen Geldbeutel findet, seine Maske noch suchen muss - und knurrende Mägen jede Anwandlung von Geduld laut übertönen.

 

„Geht schon mal vor - ich komm gleich nach.“

Damit schicken wir andere alleine voraus - auf bekannten Wegen, zu ungefährlichen Zielen.

Trotzdem kann dabei etwas passieren. Kinder können hinfallen, die Ehefrau den falschen Abzweig im Wald nehmen.

„Ich komme gleich nach“ - das heißt: ich traue dir zu, dass du auch mal ohne mich klarkommst. Das heißt aber auch: Du bist für einen Moment alleine - auf dich gestellt.

 

So wie die Jünger in der Geschichte:

Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe.

Jetzt sind sie alleine. Nachdem sie erlebt hatten, wie durch ihn 5000 Menschen mit fünf Broten und zwei Fischen satt geworden sind. Nach dieser Erfahrung überwältigender Fülle, nach einem solchen Überschuss an Leben - sind sie plötzlich alleine. Auf sich gestellt. Bis sie ans andere Ufer kommen. Dort wird wieder Fülle sein - Heilung von Kranken, Gott mitten unter ihnen.

Dazwischen aber passiert es: Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.

 

 

Es gibt sie, diese Zeiten, in denen es Abend wird und wir alleine sind. In denen all die Erfahrungen an Fülle, an Lebensfreude nicht mehr weiterhelfen. Zeiten, in denen wir gegen soviel ankämpfen müssen, dass wir dabei in Not geraten. Kein Land mehr sehen und uns dem Leben hilflos ausgeliefert fühlen.

Dann kommt sie über uns, die Angst, Schiffbruch zu erleiden. Die Kontrolle zu verlieren und irgendwann abgetrieben zu werden. Ins Abseits zu geraten, zu stranden und verloren zu gehen.

An solchen Abenden kämpft unser Boot mit den Wellen.

 

Als erfahrene Predigthörer wissen Sie, wie es jetzt weitergeht. Mitten in solcher Nacht, mitten im Kampf - steht ein großes Aber:

Aber in der vierten Nachtwache - am frühen Morgen - kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See.

Jesus-Kenner wissen: Jetzt wird alles gut. Jesus kommt, die Wellen beruhigen sich, die Stürme des Lebens können uns nichts anhaben. Das rettende Ufer wird sichtbar.

Alles wird gut.

 

Aber Lebenserfahrene wissen: Das geht zu schnell. So schnell wird nichts gut. Vielleicht wird vieles nie wieder gut. Und die Zweifel wachsen. An dieser Geschichte, die so sehr gegen das spricht, was wir kennen. An diesen Leicht-Gläubigen, die solche Geschichten leichten Herzens verkünden können, weil sie keine Ahnung vom Leben haben.

An mir, der ich diese Geschichte nicht so leicht glauben kann.

 

Aber sie ist ja auch noch nicht fertig, diese Geschichte, die Gott mit uns hat. Es passiert ja noch was:

Denn die Jünger sehen ihn auf dem Meer gehen; sie erschrecken und rufen: Es ist ein Gespenst - und schreien vor Furcht.

 

Dass Jesus uns mitten im Sturm begegnet, ist uns fremd. Dass er uns auf den Wellen von Leid und Enttäuschung und Lebenszweifeln entgegenkommt, macht uns Angst.

Da kommt ein Gott auf uns zu, den wir nicht kennen. Der vom selben Sturm zerzaust ist, gegen den wir geraden ankämpfen. Und der uns gerade deswegen fremd ist. Weil wir nicht wissen: bringt er uns den Sturm? Oder wird er von ihm erst so richtig nahe an uns herangetrieben? Können ihm die Wellen nichts anhaben? Oder wird er vom Leben erfasst und abgetrieben - weg von uns?

 

Die Jünger sitzen mit uns im selben Boot. Sie verlieren ihre Glaubenssicherheit im Sturm. Jesus ist nicht länger ihr vertrautes DU. Und Gott nicht länger ein Ebenbild unserer Hoffnung.

Der liebe Gott entzieht sich mir, wenn die Wellen über meine Reling schwappen, und ich mir beim Rudern gegen den Wind Blasen und Verletzungen hole.

Auf den Wellen kommt ein Gott zu uns, der meinen Kindheitsglauben auflöst.

 

Und mich einen Moment lang erschüttert bis ins Mark. Mich hoffen lässt, dass er nur ein Geist ist. Ein Schreckgespenst, das die aufgehende Sonne bald vertreibt.

Einen Moment lang.

 

Dann spricht er: Seid getrost - ich bin’s. Fürchtet euch nicht.

 

Aber der Schrecken wirkt nach - die Unsicherheit bleibt. Und der Zweifel ist hartnäckig. Kleingläubige eben. Wie Petrus:

 

Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. 29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. 30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! 31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

 

Früher habe ich das immer als Vorwurf verstanden - an Petrus. Und als Aufforderung an uns, eben besser zu sein als er. Nicht zu zweifeln. Groß zu glauben.

Dabei wüsste ich nicht, wer mutiger ist als einer, der loszieht, obwohl er Angst hat. Der immer wieder seinem Glauben folgt, obwohl er zweifelt.

Heute lese ich anders. Vielleicht tiefer. Auf jeden Fall breiter.

Und lese auch, was links und rechts vom Boot geschieht. Am Ufer.

 

Bevor das Boot losfährt - sind fünf Brote und zwei Fische für 5000. Momente der Fülle. Unmittelbare Gottesbegegnung - und deshalb festes Vertrauen. Zweifelloser Glaube.

Es gibt sie, diese Momente in meinem Leben. Sie stärken mich. Helfen mir, in mein Boot zu steigen, weiter zu fahren.

Aber sie dauern nicht ewig. Je weiter ich mich von ihnen entferne, je länger sie zurückliegen, desto hilfloser bin ich den Stürmen meines Lebens ausgeliefert.

Bis ich irgendwann das rettende Ufer erreiche. An dem ist Heilung und Fülle und Gott mitten unter uns.

 

Das Leben aber  - mein Leben - ist dazwischen. Zwischen den Ufern.

Zwischen der Fülle. Auf der Suche nach Gott.

Ich zweifle, hoffe, versinke - und werde immer wieder herausgezogen.

Ich halte die Ruder meines Bootes mit klammen kalten Händen. Bin durchnässt von den Wellen, erschöpft vom Gegenwind.

Ich lebe zwischen den Ufern.

Und manchmal glaube ich so klein, dass ich Gott nicht erkenne, obwohl er direkt vor mir steht.

Aber er ist da. Auch in der Zwischenzeit.

Vielleicht zerzaust vom Sturm. Aber nicht weggeweht.

Ich zweifle, hoffe, versinke - aber seine Hand hält mich fest. Wie bei den Jüngern:

Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. 33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Die Fülle scheint durch - auch in der Zwischenzeit.

 

Amen.