6. Sonntag nach Trinitatis - 19. Juli

Predigt zu Dtn 7, 6-12

 

Wer von euch, wer von Ihnen hat Geschwister?

 

Und wer ist selbst das älteste Kind von mehreren Geschwistern?

 

Mein herzliches Beileid!

 

Ich selbst bin leider Einzelkind - aber ich habe es früher von meinen Cousins so gehört und heute von meinem Sohn: Ihr  Ältesten haben es immer schwerer. Alle Rechte, die den Jüngeren quasi selbstverständlich zustehen, habt ihr mühsam erkämpft. Egal, ob es das späte Zubettgehen ist oder das lange Wegbleiben - ihr habt um eure Freiheit gekämpft - und die Kleinen profitieren davon.

Das erste Handy - ein hart erworbenes Gut für unseren Sohn, lange erhofft, und nach langen Mühen endlich erhalten. Für unsere Tochter eine Selbstverständlichkeit - schließlich will man die Kinder ja gleich behandeln.

Vermutlich werden Ihnen noch viele andere Gründe einfallen, warum es für Sie als die Erstgeborenen immer schwerer war als für die jüngeren Geschwister. Und wenn Sie als Eltern mehrere Kinder haben, dann wissen Sie auch: wirklich gleich behandeln - das klappt nur selten. Denn Kinder sind einfach zu unterschiedlich dafür.

 

Aber auch die kleinen Geschwister haben es nicht leicht, finde ich: Immer war schon jemand vor ihnen da. Immer gibt es jemanden, der schon mehr darf, als sie. Der einen nicht mitspielen lässt, weil man noch zu klein ist. Einen, der die Spielregeln festsetzt. Der schon alleine ins Schwimmbad darf, während ich nur gehen kann, wenn Mama Zeit und Lust hat. Der am Computer tolle Spiele zockt, während ich für die richtig guten Spiele noch zu klein bin - zumindest behaupten das die Eltern.

 

Es ist nicht leicht, der Kleine zu sein. Der Nachzügler. Der Dazugekommene. Das gilt in der Familie, aber auch in jeder anderen Gemeinschaft. Wenn ich auf einer neuen Stelle anfange, dann bin ich auch die Neue - die unbekannte Größe, die noch niemand kennt, keiner einschätzen kann und die sich erst mal durchboxen muss. Wenn ich in einen anderen Ort umziehe, dann bin ich der „Neigschmeckte“, der erst mal beschnuppert wird - ob er passt. Ob er sich einfügt - oder die Routine stört, die vorhandenen Ressourcen einfach nur noch verringert. Und die Geschichten, die erzählt werden, unterscheiden sich - je nach Sichtweise. Die Altbürger erzählen: Ja, der war immer mehr für sich - hat nie irgendwo mitgemacht. Und der Neubürger, der seit 20 Jahren der Neue ist, erzählt: Ich habe einfach keinen Kontakt gefunden - war überall mal mit dabei, am Anfang, aber das war schwierig. Und dann habe ich aufgehört, es zu versuchen.

 

Jede Geschichte hat zwei Seiten - mindestens.

Dem Volk Israel scheint es da genauso zu gehen - ein kleines unbekanntes Volk, ausgezogen auf der Suche nach einer neuen Heimat. Da sind sie die Neigschmeckten, die Zugezogenen, die Neuankömmlinge. Und es geht nicht immer friedlich zu. Die neuen Nachbarn haben in der israelischen Landnahme nichts zu melden - die Neuen überrennen sie, eine Stadt nach der anderen, bis ihnen alles gehört. Die Mauer fallen unter dem gewaltsamen Ansturm der Eroberer - das Alte muss weichen, hat keinen Bestand.

Das ist die eine Geschichte - die in den Geschichtsbüchern der Bibel steht.

Die andere Geschichte erzählt unser heutiger Predigttext:

 

Das ist eine Geschichte von Liebe und Fürsorge, von Schutz und Rettung. Die Kleinen sind erwählt - nicht, um den Großen das Leben schwer zu machen, sondern obwohl sie klein sind. Unscheinbare Nachzügler, besonders schutzwürdig. Weil sie es schwer haben - da, wo schon feste Regeln gelten. Wo schon Vertrautheit herrscht und Beziehungen bestehen.

Doch gerade da gilt Gottes Wort und Schutz für sie besonders. Und gerade dort sollen sie sich bersonders entfalten dürfen - ungeachtet dessen, was vorher war. Denn auch das Neue, das Kleine braucht seinen Raum. Und bringt Chancen für das Alte - Aufbruch und neue Impulse.

 

Liebe Präparanden - eigentlich spreche ich hier von euch und nicht von dem Volk Israel. Denn auch ihr habt es schwer, finde ich. Ihr kommt in eine Gemeinde, die neu für euch ist. Mit eigenen Regeln und Traditionen, die so sind, wie sie sind, weil sie immer schon so waren.

Und die wichtig sind, weil auch sie irgendwann einmal von der Gemeinde erkämpft wurden - als Zeichen von Freiheit, von Selbstständigkeit.

Viele sagen heute: weshalb soll ich mich überhaupt darauf einlassen? Wofür soll ich mich anstrengen? Brauch ich doch gar nicht. Wenn mir was nicht passt, dann gehe ich einfach.

Das ist der einfache Weg.

 

Ihr aber seid gekommen. Ihr lasst euch darauf ein.

Ihr möchtet lernen, was wir schon kennen - aber ich bringt euch selbst auch mit. Eure Erfahrungen, das, was ihr wisst und kennt. Da können wir alle von euch lernen.

 

So wünsche ich uns und euch die nächsten zwei Jahre. Als eine Zeit, in der wir gemeinsam lernen. Uns gegenseitig kennenlernen und voneinander lernen. In der ihre eure Ideen einbringt, damit wir verstehen, was wir besser machen können. Und in der wir euch einbeziehen in unsere Gemeinschaft - damit wir wachsen, nach innen und nach außen. Größer werden an Zahl und an neuen Erfahrungen. Und gemeinsam ausstrahlen, was das Besondere an uns Christen ist: dass wir nämlich alle zusammengehören - jung und alt, groß und klein, vertraut und neu. Und dass wir nur vollständig sind, wenn wir gemeinsam zusammenstehen und aufeinander achten. Als Glieder am Leib Christi und Auserwählte seiner Liebe, erwählt zu seinem Eigentum.

 

Amen.